Wie gut muss Musik klingen?

Diese Frage stellt sich bei der Anschaffung von Geräten der Unterhaltungs-Elektronik. Spätesten beim Budget wird oft eine rationale Grenze gezogen. Zuvor geht es um funktionale, markenrelevante und gestalterische Aspekte. „Der Klang ist völlig ausreichend“, „für mich klingt beides gut“ oder „den Unterschied höre sowieso nicht“ sind immer wiederkehrende Aussagen, die ich während der letzten 30-Jahren seit ich mich bewusst mit dem Thema der Musikreproduktion beschäftige zu hören bekam.

BJ1992 – eines meiner zahlreichen Selbstbau Projekte seit den 80er Jahren

Dass die Wiedergabequalität nicht egal ist, möchte ich nach einem kleinen Rückblick meines Erfahrungshorizontes genauer erörtern.

Als studentische Aushilfe von 1993-1995 durfte ich mich um das große High-End Studio der Hi-Fi-Profis in Frankfurt mitkümmern. Die teuersten Geräte, die besten Kabel und die besten Lautsprecher baten mir die Möglichkeit den Erfahrungshorizont meiner Leidenschaft des Musikhörens zu weiten. Klangliche Unterschiede – klar waren die Hörbar, insbesondere das nicht jede Verstärker Elektronik zu jedem Lautsprecher passt. Die teilweise recht blumigen Äußerungen diverser Hi-Fi-Magazine hingegen waren bei unterschiedlichen Kabeln nicht so bunt und koloriert wahrnehmbar.

Neue Musik – neue Erfahrungen. Die ab der Anfang 90er blühende Technoszene, bescherte meinem Bekanntenkreis neue Kontakte aus dieser Künstler- und Produzenten Szene. Schalldruckstarke Live-Events und Clubbesuche zum einem – aber auch das Beiwohnen verschiedener Produktionen war eine spannende Zeit. Vor allem fand ich die Studioräume und Raumarchitektur interessant, offenbarten sie doch Hörqualitäten wie sie mir vorher unbekannt schienen. Einer der Schlüsselerlebnisse war der Bau eines Tonstudiobaus 1996-1997 im selben Haus, indem ich eine kleine Einliegerwohnung nutzte. Im fertiggestelltem Regieraum konnte ich folgende Komponenten hören: Zwei Quad Elektrostaten samt Quad Endstufe, kombiniert mit zwei Doppel 15“ Subwoofer und als Musikquelle ein einfacher CD-Player (300DM) mit dem beigepackten Kabel das direkt in die Mischkonsole von SSL mündete. Der Klang > musikalische Details und eine räumliche Abbildung wie sie weder der DM 57.000,- teurere Referenzplayer von Mark Levinson noch die DM 32.000,- teure Laufwerk/Wandler Kombination von Accuphase an diversen sechsstelligen Verstärker-Lautsprecher Kombinationen im Demo Raum der Hi-Fi-Profis bieten konnten.

Der Top-Optimierte akustische Raum, ließ dem Verkaufs-Studio keine Chance – für mich eine klare Botschaft wo sich wirklich wichtige Potentiale für perfekten Klang verbargen. Meine Haltung festigte sich, als ich von 1997 bis 2005 bei diversen Akustikprojekten von Valdimir Szynakjowski mitarbeiten konnte.

Analog goes Digital – ab Mitte der 80er fand in der Musikindustrie auch der Wandel von der Analog-Schallplatte, zur CD, zum DAT, dem Harddiskrecording bis zur MP3-Standard sowie anderer digitalen Musik Formate statt. Diverse Mythen und Erklärungsmodelle kamen auf, das mit den neuen Tonformaten auch schlechteren Klangqualitäten einhergehen sollen. Genau hier möchte ich einhaken und ein Erklärungsmodel in Anlehnung zu den Erkenntnissen der Raumakustik aufzeigen.

Dabei geht es um Tatsachen, die nichts mit subjektiver Wahrnehmung zu tun haben.

  1. Fakt – die Digitalisierung von analogen Musiksignalen basiert auf der Reduktion der Information > bei der CD, bei der MP3 im besonderem, aber auch bei Hi-Res Audio.
  2. Fakt – das Ohr als Organ dient zur Orientierung > Ortung von Schallereignissen > darum funktioniert beispielsweise Stereo-Klang.
  3. Fakt – das Ohr reagiert in Bezug auf Dynamik recht langsam – spontan werden 10 Stufen wahrgenommen. 10dB Sprünge empfinden wir als Verdopplung bzw. Halbierung
  4. Fakt – das Ohr kann einen Frequenzumfang von 20-20.000Hz als Hörbar identifizieren. Mit zunehmenden Alter reduziert sich das Hörvermögen zu den höchsten Frequenzen hin.
  5. Fakt – MP3 nutzt den Fakt 3+4 um die „Datenmenge“ zu reduzieren – Informationen werden entfernt.

Diese abgewandelte Grafik stammt vom Premium Streaming-Dienst Anbieter Qobuz.

Dies sind auch die Hauptgründe der Kritiker von digitalen Tonformaten. Das durch das Fehlen von Informationen schlechter Klang entsteht. Befürworter der Digital-Technik wollen in Blindtests beweisen, dass das mit dem schlechten Klang nicht stimmt.

Beide haben recht – in der subjektiven Wahrnehmung hört sich MP3 gut an und der Hörer mit dem geschulten Ohr hingegen kann die Kompressionsartefakte wahrnehmen.

Das Fehlen von Information durch die Datenkomprimierung kann aber tatsächlich ein Problem sein. Das Hören findet nämlich nicht ohne unser Gehirn statt. Im Gehirn werden sämtliche Eindrücke unserer „Sensoren“ gespeichert > beim Hören sind es Klangmuster > die uns das Verstehen von Kontext erst ermöglichen. Genauso wie Augen, die Nase, der Gaumen und der Tastsinn an unserer Wahrnehmung beteiligt sind.

Doch zurück zum „hören“. Unsere Ohren nehmen den Schall auf und dieser wird in neurale Impulse gewandelt die mit den abgespeicherten Mustern vergleichen werden. Dabei kann das Gehirn hervorragendes Leisten und fehlende Lücken ergänzen. Wer beispielsweise Lesen und Schreiben gelernt hat, kann auch e..en Lück….xt Vervollständigen. Wir können einen veränderten T3XT L3S3N und wissen was dort stehen soll. Unser Gehirn arbeitet – und das macht es auch, wenn wir eine unvollständige musikalische Information hören und mit einer komplett abgespeicherten Information vergleichen.

Daher ist es gar nicht esoterisch dass es Personen gibt, die „digitalen“ Klang unangenehm finden. Insbesondere wer einen latenten Stresspegel durch andere Einflüsse hat, dem bereitet diese zusätzliche Gehirnaktivität wenig Entspannung. In der Arbeitswelt nennt man diese Stressfreiheit auch kognitive Ergonomie, die in Bezug auf die Raumakustik ein wichtiges Kriterium geworden ist. Konversationen in einem Halligen Raum zu führen, ist nun mal deutlich anstrengender.

Mein persönliches Fazit: Wer noch Schallplatte hört macht nichts verkehrt – jedoch haben das Handling, sowie das Knistern und Knacksen mich auch zu den digitalen Formaten gebracht. Daher bin ich auch kein fanatischer Verfechter der Analog-Technik. Insbesondere Hi-Res Audio sorgt für ein beruhigendes Gefühl, muss doch hier das Gehirn vergleichsweise wenig ergänzen. Worauf ich jedoch achte, ist das die Wiedergabequalität nicht noch weiter reduziert wird – was nicht nur vom Tonträger selber, sondern von der Produktqualität beispielsweise eines Lautsprechers auch abhängig ist.

wh wolfgang.hoehne

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